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Frischer Wind für neue Ambitionen
Als ich kürzlich einen Handwerker nach vollbrachter Arbeit aus der Kirche begleitete, sind wir noch in ein Gespräch über Gott und die Welt verfallen. Bei dieser Gelegenheit hat er mir erzählt, dass sein Bruder, der sehr viel Geld verdient hatte, ihm vorgeworfen hatte, es könne doch nicht sein, dass er mit vierzig keine Ambitionen mehr habe. Das klingt nach einem starken Vorwurf, als würde er sein Leben versäumen. Der Bruder kam zu dieser Aussage, weil er ihm gesagt hatte, dass er mit seinen zwei Kindern, seiner Frau und seinem Beruf, den er liebe, ganz zufrieden sei.
Eine Familie und einen Beruf, den man mag, das sind doch Ambitionen genug, meinte ich lächelnd. Der Handwerker stimmte mir zu, gestand jedoch ein, dass ihn dieser Vorwurf ziemlich ins Grübeln brachte. Nicht noch mehr wollen? Vielleicht sogar für die Familie? Bleibe ich stehen? Entwickle ich mich nicht mehr?
Wir haben den Luxus, dass wir in einer Gesellschaft leben, die einen Freiheitsgrad kennt, den es so vor unserer Zeit nie gab. Trotzdem sind wir nicht von einer unsichtbaren Macht gefeit, die sagt: «Du musst!» «Es geht noch mehr!» Ja, vielleicht gerade weil wir so frei sind, haben wir vielleicht manchmal das Gefühl, alles zu müssen. Wenn alles möglich ist, dann muss ich ja auch alles können.
Das Wort Ambition stammt aus dem Lateinischen und kommt von Ambi und Ire, was so viel heisst wie «umhergehen». In der römischen Gesellschaft wurde der Begriff bald zum Synonym, um sich für ein Amt zu bewerben. Dieses «Türklinkenputzen» wurde bald gleichgesetzt mit dem Wort Ehrgeiz. Seither wird das Wort Ambition diesen Makel, dass man auch seine Seele verkauft, nicht mehr los.
Es wundert daher nicht, dass das Wort Ambition im Christentum als Laster galt. Ebenso wenig wundert es, dass es mit der modernen Gesellschaft etwas Positives wurde. Die Grundidee der Moderne: Dass alle zu allem Zugang haben.
Wie gehen wir jetzt mit Ambitionen um? Sollen wir gar keine Ambitionen haben, oder umso mehr, weil es möglich ist, alles zu erreichen?
Es ist extrem anstrengend, wenn man alles können und erreichen muss. Einer chronischen Überlastung vorzubeugen, bietet der Psalm 127 einen beruhigenden Hinweis. «Wenn nicht Gott das Haus baut, dann mühen sich umsonst, die daran bauen. Wenn nicht der Gott die Stadt behütet, wacht der Hüter umsonst.» Der Psalm erinnert uns daran, dass wir im Leben nicht alles alleine tragen müssen. Dass es viel einfacher ist, wenn wir auch Gott an unserem «Bauprojekt» teilhaben lassen. Wir haben ohnehin nicht alles in der Hand. Umso wichtiger ist es, unsere Tätigkeiten mit Gott zu koordinieren.
Wir uns fragen, was denn unsere Ambitionen für den nächsten Lebensabschnitt sind. Wäre es vielleicht besser, wenn wir zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes Ambition zurückkehren; nämlich umhergehen?
Nicht im Sinne des Klinkenputzens, sondern dass wir genug Raum schaffen, damit auch eine höhere Macht ein Teil unserer Lasten übernehmen kann.
Sie werden also das nächste Mal gefragt, was sie noch für Ambitionen im Leben haben. Sie können antworten: «Ich gehe umher und bin offen dafür, dass alles, was ich aufbaue und tue, Gott mir einen grossen Teil der Last abnimmt und ich so den ganzen Dienst kann.»
Mit diesen Ambitionen wünsche ich uns frischer Wind an Pfingsten und ein schönes Jubiläum am 30. Mai.
Pfarrer Stephan Krauer
