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Thermomix, Bürokratie und Gottvertrauen
Die künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Doch man muss genau hinschauen, wo sie wirklich eingesetzt wird und wo sie einfach nur eine Spielerei ist. Die künstliche Intelligenz übernimmt langsam immer mehr Aufgaben im Alltag. In diesem Zusammenhang hat mir ein Interview mit einem Fitnesscenterbesitzer zu denken gegeben. Er hat dargelegt, dass seine vielen jungen Mitarbeiter Mühe hatten, ein Telefongespräch mit möglichen Kunden zu führen, weil sie sich oft nicht trauten. So hat er mit einer Firma zusammen den Telefondienst an die künstliche Intelligenz ausgelagert. Seither nimmt eine künstliche Stimme das Telefon ab und er hat seither viel mehr Abo-Abschlüsse von Kunden. Da fragt man sich unweigerlich: Was ist mit den Jungen los? Warum können die nicht telefonieren? Warum trauen sie sich nicht?
Wie so oft in der Erziehung und bei allem, was mit dem
Heranwachsen von jungen Menschen zu tun hat, müssen wir die Antwort bei der älteren Generation, also bei uns, suchen. Ein Gemeindemitglied hat mich auf Professor Binswanger aufmerksam gemacht, der unter anderem auch an der HSG St. Gallen lehrt. Er weist auf die Problematik hin, dass in der Verwaltung und in Unternehmen das Controlling massiv zugenommen hat.
Grundsätzlich können wir uns glücklich schätzen, wenn jemand ein Qualitätsmanagement für sein Angebot pflegt. Doch das wachsende Controlling hat auch seine Schattenseiten und entwickelt eine eigene Dynamik. Es nimmt so viel Raum ein, dass gute Qualität gar nicht mehr möglich ist. Am deutlichsten sieht man das im Gesundheitswesen. Nicht nur hat die Bürokratie massiv zugenommen, auch Pflegepersonal und Ärzte müssen immer mehr Zeit für das Controlling aufwenden. Das führt dazu, dass immer weniger Zeit für den Patienten zur Verfügung steht.
Aber nicht nur für Fachpersonen wird der Spielraum immer enger, sodass am Ende die Qualität leidet. Der Philosoph Hartmut Rosa macht uns darauf aufmerksam, dass unsere Handlungsräume auch im Alltag immer kleiner werden. Als Beispiel nennt er den Thermomix. Dieses Küchengerät nimmt uns alle Entscheidungen ab. Das Endergebnis ist perfekt. Und das ist auch das Problem. Es hat nichts mehr mit unserem Charakter zu tun. Der Preis für die absolute Sicherheit ist der Verlust von Vertrauen.
Für Hartmut Rosa sind die verschwindenden Spielräume im Alltag nicht nur die Ursache dafür, dass die psychische Gesundheit unter Kindern und
Jugendlichen weltweit abnimmt. Sondern sie sind auch ein Grund für den Aufstieg von Populisten wie Elon Musk und Donald Trump, da diese einfache Lösungen versprechen.
Um aus dieser Situation wieder herauszukommen, plädiert Rosa dafür, dass wir wieder Verantwortung übernehmen und uns nicht alleine auf Regeln verlassen. Es geht nicht darum, alle Spielräume aufs Äusserste auszureizen, wie etwa der amerikanische Präsident. Vielmehr geht es darum, dass wir unseren Jugendlichen vorleben, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen, obwohl wir keine 100% Sicherheit haben. Am Ende ist das die Quintessenz von Gottvertrauen: das Leben zu wagen, ohne dass wir dafür Garantien jeglicher Art von Gott in Anspruch nehmen.
Pfr. Stephan Krauer
