«Turmbau zu Babel» von Pieter Brueghel, Kunsthistorisches Museum Wien
Wenn Milliardäre den Weltraum erobern wollen
Menschheit, wohin gehst Du? Diese Frage stellt sich für mich unweigerlich, wenn Milliardäre nichts Besseres zu tun haben, als den Weltraum für kommerzielle Zwecke zu erobern. Mit unverständlichem Staunen nehme ich jeweils zur Kenntnis, dass verschiedene Milliardäre in den Weltraum reisen möchten und auch Reisen zum Mond und bald zum Mars anbieten wollen. Besonders erstaunt mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man in diesen Kreisen davon überzeugt ist, dass je weiter weg man fliegt, umso besser ist: höher, weiter, schneller, als gäbe es auf der Welt keine Herausforderungen mehr.
Ich sammle jetzt Plastik und lasse mich von dem Weltraumgestürm nicht irritieren. Auch wenn ich weiss, dass nicht alles Plastik, das ich sammle, auch wirklich rezykliert wird. Aber das Wettrennen der vermögendsten Männer unter der Sonne um das Weltall erinnert mich an die Geschichte vom Turmbau zu Babel aus dem Kapitel 11 im Buch Genesis.
Es liegt auf der Hand, mit dem Verweis auf den Turmbau den Grössenwahn dieser Milliardäre zu verurteilen. Das wäre aber zu einfach und für uns, die wir nicht vorhaben, auf den Mars zu fliegen, auch nicht gewinnbringend. Schadenfreude bringt uns nicht weiter.
Um die Geschichte vom Turmbau und unsere heutige zu verstehen, ist das Bild von «Turmbau zu Babel» von Pieter Brueghel hilfreich (siehe oben). Er hatte 1563 auf Holz gemalt und es hängt heute in Wien. Mich hat dieses Bild schon als Kind fasziniert. Gerade wegen seiner vielen Details konnte ich es stundenlang anschauen.
Schon damals ist mir aufgefallen, dass der Turm auf dem Bild schief ist. Erscheint leicht auf die linke Seite zu kippen. Das passt so gar nicht mit den kunstvollen Details, die man vor allem auf der linken Turmseite sehen kann. So ein Meisterstück der Baukunst kam doch nicht in Schieflage geraten. Als Kind dachte ich, dass der Mahler nicht in der Lage war, den Ton gerade zu malen. Heute wissen wir, dass Pieter Brueghel den Turm absichtlich schief malte. Damit soll ausgedrückt werden, dass der Turm keine Zukunft hat, dass er eine schlechte Idee war.
Das zeigt sich auch an der Spitze des Turms. Dieser ragt zwar in den Himmel und ist auch von Wolken umgeben. Doch irgendwie scheint er auch ins Leere zu gehen. Der Himmel ist so weit und offen, dass es uns scheint, dass kein Turm hoch genug sein kann, um den Himmel zu erreichen. Es ist aussichtslos, einen Turm in den Himmel zu bauen.
Eine ähnliche Botschaft vermittelt uns der Mahler mit der Stadt und der umliegenden Landschaft im Hintergrund. Der Turm passt so nicht in die Stadt und schon gar nicht in die Landschaft. Eigentlich braucht es den Turm gar nicht. Die Stadt wäre genug interessant und die Landschaft mit dem anschliessende Meer ist genug interessant.
Weiter ist auf dem Bild im Vordergrund auf der rechten Seite noch der König zu sehen, vor dem sich ein paar Arbeiter auf die Knie werfen. Damit wird uns deutlich gemacht, dass es sich bei diesem Bau nicht um eine Errungenschaft der Menschheit handelt, sondern um ein reines Statussymbol einer einzigen Person.
Und dann ist da noch die rechte Seite des Turms, die einen grossen Schatten auf die Stadt und auch aufs Meer wirft. Diese Schattenseite hat bereits Risse und einige Stellen sehen aus, als wäre der Turm eingestürzt und wieder aufgebaut. (Es lohnt sich, das Bild in Wien aus der Nähe zu betrachten.). Brueghel macht uns deutlich: Es ist nicht Gott, der den Turm zerstört, sondern die Zeit. Sie trägt dazu bei, dass das Unterfangen nie vollkommen sein wird.
So ist es auch in der biblischen Geschichte. Es ist nicht Gott, der den Turm zerstört. Er sorgt lediglich dafür, dass sich die Menschen durch die verschiedenen Sprachen zerstreuen. Dabei wurde das Sprachgewirr in dieser Geschichte oft als Strafe Gottes für den Hochmut der Menschen interpretiert. Doch das ist nicht ganz richtig.
Die Zerstreuung der Menschheit über die Erde war Erfüllung des schon bei der Schöpfung ausgesprochenen und nach der Flut wiederholten göttlichen Segens. «Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde.» Dabei ist das Wort Babel ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort «b'l», was so viel bedeutet wie «vermischen» oder «umrühren».
In diesem Sinne betrachte ich auch das Treiben der Weltraummilliardäre. Es geht nicht darum, Reichtum schlechtzureden. Vielmehr geht es darum, zu fragen, ob die Welt kommerzielle Weltraumfahrten braucht. Ist sie nicht genug schön? Muss die Welt den Mars erobern, damit ein einziger Mann ein besseres Statussymbol hat? Haben wir nicht andere Herausforderung als Menschheit auf der Erde, anstatt dass ein paar wenige zum Spas auf dem Mond leben? Gewiss, die Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert uns daran, dass wir uns mehr verteilen sollten, anstatt alle Macht in eiern Person zu konzentrieren (oder eine halbe Stadt für eine Hochzeit abzusperren). Wahrscheinlich wird die Geschichte vom Turmbau ihre Aktualität leider nie verlieren.
Pfarrer Stephan Krauer