Vergebung
Liebe und Vergebung gehören zu den Grundpfeilern des Christentums. Dennoch scheint es, dass die Christen oder Nationen, die sich christlich nennen, nicht gerade durch Liebe oder Vergebung glänzen. Aber ich möchte mit dem Thema Vergebung jetzt nicht die Weltpolitik und das Verhalten der Weltpolizei USA im Nahen Osten unter die Lupe nehmen. Vielmehr sollten wir uns bewusst werden, was Vergebung eigentlich bedeutet und welchen Wert sie hat.
Im Deutschen leitet sich das Wort «Vergebung» vom Wort «geben» ab und meint, dass man etwas weggibt. Auch das griechische Wort in der Bibel, das Jesus benutzt, leitet sich vom Wort «wegschicken» ab. Das gilt auch für das hebräische Wort im Alten Testament. Bei der Vergebung wird also etwas weggegeben, etwas, das belastend war.
Für die Autoren des Alten Testamentes ging es darum, bei Gott Vergebung zu erlangen, indem man im Tempel etwas opferte. Er kritisierte den Brauch, dass man nach einem Streit mit dem Bruder einfach in den Tempel ging, eine Taube opferte, und dann zufrieden war. Für ihn konnte Gott nur vergeben, wenn wir Menschen einander vergeben.
Aus heutiger Sicht scheint es Sinn zu machen, dass wir Menschen einander vergeben. Doch zur Zeit von Jesus war das ein Skandal.
Paulus trieb die Vergebung noch weiter und machte aus der Vergebung, die Gott uns bietet, eine Versöhnung. Versöhnung ist aber nicht das Gleiche wie Vergebung. Für die Versöhnung benötigen wir die Reue derjenigen Person, die uns etwas angetan hat. Vergebung können wir auch, wenn die andere Person nicht bereut oder einsieht, dass sie etwas Gemeines gemacht hat.
Vergebung ist nicht leicht. Damit sie gelingt, schlägt Anselm Grün fünf Schritte vor:
Den Schmerz der Verletzung anerkennen.
Die Wut zulassen und anerkennen.
Wahrnehmen, was passiert.
Vergeben, also das belastende Material weggeben.
Wunden in Perlen verwandeln.
Dabei ist wichtig, dass man sich Zeit lässt, sonst wird man wieder eingeholt, wenn man etwa die Wut kleinredet. Und auch der letzte Schritt ergibt sich vielleicht erst Jahre später, dass man sagen kann: «Ja, ich bin verletzt worden, aber durch die Vergebung bin ich auch lebendiger geworden.»
Pfarrer Stephan Krauer