Warum feiern wir?
In Oetwil steht Anfang Oktober wieder einmal die Chilbi an. Ja, Oetwil feiert erst im Oktober mit Magenbrot und Auto-Scooter dieses besondere Wochenende, wenn für andere Schausteller die Saison bereits zu Ende ist. Und nicht selten ist es dann nass und kalt. Für mich, der in einer grossen Seegemeinde aufgewachsen war, war das zuerst etwas komisch, denn mit Chilbi verband ich immer auch die Sommerferien.
Auch wenn die Oetwiler manchmal von aussen belächelt werden, weil sie erst im Oktober Chilbi haben, so tut das dem Anlass keinen Abbruch. Im Gegenteil, gerade weil die Oetwiler-Chilbi vom gemeinsamen Zusammenkommen lebt, ist sie etwas Besonderes.
Wenn ich mit den Oetwiler über die Chilbi spreche, dann erzählen sie mir immer, wo sie wann essen gehen. Dass sie zum Beispiel am Samstag immer Momos bei den Tibetern essen oder am Sonntag nach dem Gottesdienst im Jägerstübli des Schützenvereins die legendären Hirschravioli essen gehen. Die Chilbi in Oetwil ist ein Beispiel dafür, wie zusammen essen mehr sein kann, als sich einfach zu verpflegen. Das gemeinsame Essen ist für die Oetwiler an der Chilbi zum Ritual geworden, das auch den widrigen Umständen, die herbstliche Regenschauer mit sich bringen, trotzt.
Rituale, auch scheinbar weltliche, wie die Chilbi, schaffen Gemeinschaft und geben ihr einen feierlichen Rahmen. Ein festliches gemeinsames Essen ist eben mehr als ein blosser Zeitvertreib. Die besondere Kraft des Rituals liegt darin, dass es sich vom Alltag und damit auch von den alltäglichen Gewohnheiten und Beschäftigungen abhebt. Dazu gehört auch, dass es nicht permanent stattfindet, sondern dass dazwischen zeitliche Unterbrechungen bestehen.
Und auch wenn ein ganzes Jahr dazwischen liegt, büsst es nicht von seiner Kraft ein. Das wird deutlich an den Begegnungen mit den weggezogenen
Oetwilern, die einmal im Jahr an die Chilbi kommen, um sich zu treffen und eben gemeinsam zu essen. Das eine Mal im Jahr reicht, um sich zu vergewissern, dass man irgendwie doch noch dazu gehört, dass man mit den Menschen, mit denen man zusammengelebt hat, verbunden ist.
Dies gilt gleichsam für das Feiern im kirchlichen Rahmen. Auch wenn das Zusammensein in einem Gottesdienst sich auf den ersten Blick ganz gegensätzlich zum Zusammensein an der Chilbi erweist. Es geht immer um das Feiern der Gemeinschaft, sei dies im regulären Gottesdienst, in einer Andacht im Altersheim oder bei einem Tagesabschluss in einem Konfirmandenlager. Immer geht es darum, dass wir daran erinnert werden, dass wir zu Gott gehören und Gott zu uns gehört.
Über die Form, wie gemeinschaftlich gefeiert werden soll, haben sich die Christen immer wieder neue Formen erfunden. Das Spektrum erstreckt sich vom Eingehen in die Stille bis zu wilden Tanzen in afrikanischen Gottesdiensten. Und manchmal gibt es auch Streit über die Form, und es bilden sich neue Gruppen, die eine andere Art und Weise pflegen, wie sie mit Gott in Gemeinschaft treten wollen. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat es da etwas vereinfacht. Die haben einfach vor 1700 Jahren gesagt: «So ist es, und jetzt wird nicht mehr diskutiert, weil es um etwas anderes geht, als um die Form.»
Jesus selbst hat keine expliziten Gottesdienste gefeiert. Zwar hat er immer wieder Elemente, die im Gottesdienst vorkommen, aus seinem Werkzeugkasten benutzt, so etwa das Gebet oder einen Segen. Es ist aber bezeichnend, dass Jesus auf besondere Art und Weise die Gemeinschaft mit den Mitmenschen und mit Gott pflegte, das gemeinsame Essen war. So oder so, wenn wir zusammen feiern, dann feiern wir unsere Gemeinschaft, und dazu gehört auch Gott.
Pfarrer Stephan Krauer
